

So unverfälscht
wie möglich
Das Hotel Edelweiß &Gurgl in Obergurgl ist ein Beispiel
für gelebte Regionalität imTourismus.
Der Betrieb ist aus einer Bauernschaft entstanden, seit 1889 führt die
Familie Scheiber das Hotel. Der direkte Bezug zur eigenen Landwirt-
schaft gestaltet das Urlaubserlebnis auch maßgeblich mit: Der Nah-
rungskreislauf soll für die Gäste und deren Kinder sichtbar und spürbar
werden. Zur Hotelphilosophie gehört es auch, so wenige Lebensmittel
wie möglich zu importieren und so viel wie möglich aus der direkten
Umgebung und von heimischen Erzeugern zu beziehen. „Wir halten es
für besonders wichtig, ein möglichst unverfälschtes Urlaubserlebnis bie-
ten zu können“, ist Hotelchef Lukas Scheiber überzeugt, „nicht alles für
jeden, aber spezielle Leistungen für eine ausgewählte Zielgruppe.“
Das Schaf
an der Decke
Die Tante Lotte Design GmbH hat sich
demThema Schafwolle verschrieben.
Tiroler Produkte sind nicht nur am Teller, son-
dern auch in der Raumgestaltung gefragt. Ein
Beispiel dafür ist die in Innsbruck beheimatete
Tante Lotte Design GmbH, die sich dem Thema
Schafwolle verschrieben hat. Sie hat die exzel-
lenten Eigenschaften des Naturprodukts er-
kannt und daraus ein nachhaltiges Paneel-Sys-
tem von Wand- und Deckenverkleidungen
namens Whisperwool entwickelt. Die Paneele
wirken luftreinigend, schalldämpfend und sind
im Gegensatz zu vielen anderen Baumaterialien
zu 100 Prozent recyclebar.
„Schafwolle ist in der Verarbeitung deutlich
aufwendiger als künstliche Baumaterialien –
das kostet natürlich auch mehr. Die sehr guten
raumklimatischen Eigenschaften sind es jedoch
wert, diesen Mehraufwand zu leisten. Außer-
dem ist es uns wichtig, einen Beitrag zur Müll-
vermeidung im Bausektor zu leisten“, erklärt
Ing. Mag. (FH) Gernot Wurm von Whisperwool.
Die Schafwolle, die für Whisperwool verarbeitet
wird, stammt von heimischen Tieren und wird
über den Tiroler Schafzuchtverband bezogen.
Im Laufe des Jahres 2018 will man auch die
Produktion nach Tirol verlagern, um diese noch
ökologischer und effizienter zu machen. Derzeit
wird noch in Deutschland produziert.
64
65
DAS ZÖGERN DER GASTRONOMIE
Nun gilt es, diesen Trend vom Lebensmittel-
handel auf die Gastronomie zu übertragen.
Die eingangs erwähnten „Foodie-Touristen“,
die sich bewusst für Tiroler Produkte inter-
essieren, sind längst im Land angekommen,
und trotzdem fehlt vielen Gastronomen noch
der Mut, sich voll und ganz auf das Thema
Regionalität einzulassen. Für Wendelin
Juen ist dieserUnterschied zwischenHandel
und Tourismus folgendermaßen erklärbar:
„ImLebensmittelhandel wurde die Regiona-
litätsoffensive zehn Jahre früher gestartet,
dementsprechend hat diese Branche einen
Vorsprung.“ Trotzdem seien die Steigerun-
gen beim Einsatz von Tiroler Lebensmitteln
sehr erfolgversprechend.
Und auch Björn Rasmus kann die Skep-
sis der Gastronomen zu einem gewissen Teil
nachvollziehen: „Der Einkauf von Lebens-
mitteln ist sehr preisintensiv. Die meisten
Hotels stehen unter einem ständigen Druck,
das Niveau zu halten, den Wellnessbereich
noch moderner zu gestalten, im Internet
noch bessere Bewertungen zu bekommen.
Da bleibt am Ende für den Küchenchef oft
nur die Anweisung: Kauf so günstigwiemög-
lich ein.“
In dieser Situation verhalte sich der Tou-
ristiker nicht anders als ein ganz normaler
Konsument im Supermarkt, weiß Rasmus:
Ist das Geld knapp, greift man eher zur nor-
malen Milch als zur 10 Cent teureren Bio-
Milch – auch wenn die kleine Differenz lang-
fristig nichts an der generellen finanziellen
Situation ändert. „Dieses Verhalten ist zwar
nicht zielführend, aber extremmenschlich.“
ZUVERLÄSSIGKEIT IST GEFRAGT
Dass sich die Investition in regionale und
auch biologische Lebensmittel auf der Spei-
sekarte trotzdem lohnt, zeigen zahlreiche
Hotels und Pensionen in Tirol, die schon seit
Jahren auf heimische Produkte und Bioqua-
lität setzen. „Diese Leitbetriebe haben eine
wichtige Funktion im Land. Da gibt es je-
manden, der ist überzeugt, dass ein Thema
wichtig und zukunftsweisend ist, und sagt:
Ich will das und ich mache das. Als Konkur-
renzbetrieb schau ich mir das eine Zeit lang
aus der Distanz an und sage irgendwann: Das
gefällt mir, das funktioniert, das probiere ich
auch“, erklärt Björn Rasmus den Prozess.
Um es den Hoteliers noch einfacher zu
machen, Tiroler Produkte zu integrieren,
ist man bei „Bio vom Berg“ auch bemüht,
das Angebot noch tourismusfreundlicher zu
machen. Rasmus: „Mir ist völlig klar, dass
die Zuliefersysteme in der Hotellerie immer
funktionieren müssen. Ein großes Hotel
braucht in der Saison eine verlässliche und
pünktliche Lieferung von einem Produkt,
das auch nicht in der Qualität variiert. Da
kann ich als Bioproduzent einfach nicht da-
herkommen und sagen: Heute gibt’s leider
keinen Schlagrahm, tut mir leid.“
Deshalb seien die regionalen Bio-Zulie-
ferer gefordert, in dieser Hinsicht noch bes-
ser und professioneller zu werden. Um dies
auch strukturell zu bewerkstelligen, sei aber
eine kontinuierliche Nachfrage nötig – „das
bedingt sich gegenseitig“.
Die Zusammenarbeit mit dem Tiroler
Großhandel wird derzeit schrittweise ausge-
baut. Bei „Neurauter frisch“ in Ötztal-Bahn-
hof sind die „Bio vom Berg“-Produkte bereits
Whisperwool eignet sich sowohl für
gewerbliche Projekte als auch für den
privaten Eigenbau.
„Es gibt in Tirol eine kleine,
aber stark wachsende Gruppe
von Gastronomen, die Regio-
nalität ehrlich lebt.“
DI Wendelin Juen, Geschäftsführer
Agrarmarketing Tirol
© AMTIROL
erhältlich, mit anderen Großhändlern ist
man ebenfalls in Kontakt. Für die heimi-
schen Gastronomen hat Björn Rasmus eine
Botschaft: „Ich kann nur jeden einladen, mit
uns zu reden. Wir arbeiten gerne an Lösun-
gen für die jeweiligen Bedürfnisse. Und ich
kann nur jedem Touristiker empfehlen, Mut
zur Regionalität zu haben und die Vorteile zu
sehen und nicht nur Angst davor zu haben,
was vielleicht schiefgehen könnte.“
FRAGE DES IMAGES
Dass Tiroler Produkte und die Tiroler Küche
ein generelles Imageproblem haben, glauben
beide Experten nicht. „Die Tiroler sind sehr
stolz auf ihre Produkte und erzählen gerne
und oft von den Produzenten aus ihrer Um-
gebung, das ist schon viel wert“, findet Björn
Rasmus. Ein „Make-over“ im Sinne einer
laufenden Anpassung und Neuerfindung
sei aber trotzdem empfehlenswert – „das
braucht im Grunde jede Marke und jedes
Produkt“.
Für Wendelin Juen sind vor allem die
Köche hervorragende Produktbotschafter;
sie sind stolz auf die heimischen Produkte
und verarbeiten diese in regionalen Spezia-
litäten. Die Tiroler Küche brauche auch kei-
ne generelle Neupositionierung, wie sie zum
Beispiel in den letzten Jahren in Skandinavi-
en passiert ist. Juen: „Genau das, was in der
nordischen Küche vor einigen Jahren begon-
nen hat, wird in Tirol in vielen Betrieben be-
reits gelebt.“ Er sieht in dieser Hinsicht auch
die Tiroler in die Pflicht genommen: „Es liegt
an uns, den Fokus nicht immer nur ins Aus-
land zu richten, sondern die ausgezeichnete
heimische Küche zu genießen und weiter-
zuempfehlen.“
Text: Barbara Wohlsein
„Mir ist völlig klar, dass die
Zuliefersysteme in der Hotellerie immer
funktionierenmüssen.“
Björn Rasmus, Geschäftsführer „Bio vom Berg“
Der anspruchsvolle
Urlaubsgast will
immer öfter wissen,
woher das Fleisch im
Gasthaus stammt.
© TIROL WERBUNG/BERNHARD AICHNER, TIROL WERBUNG/LISA HÖRTERER
© WHISPERWOOL (2)
©HOTELEDELWEISS (2)
Mehrwert schaffen
Mehrwert schaffen